Vesper

Wir feiern in unserer Gemeinde auf ganz unterschiedliche Weise Gottesdienst. Die Vielfalt des Glaubenslebens findet ihren Ausdruck auch in diesen unterschiedlichen Formen. Heute darf ich Ihnen eine besonders ruhige Art des Gottesdienstes vorstellen: die Vesper.
Vesper bedeutet eigentlich “Abendgebet”. Die Form dieses Abendgebetes ist seit vielen Jahrhunderten unverändert und verbindet uns mit Menschen vieler Länder und Konfessionen, die die Vesper ebenso halten wie wir.

Ein wesentliches Element dieser Gottesdienstform besteht darin, dass viele Psalmen gesungen werden. Sie kennen dieses “Psalmodieren” vielleicht vom Introitus in unserem Hauptgottesdienst; das Wesentliche dabei ist, dass es einstimmig gesungen wird. Zunächst mag man annehmen, dass das einstimmige Singen simpel wäre im Vergleich zur Mehrstimmigkeit. Doch weil wir ohne Begleitung der Orgel singen, sind die Stimmen ganz auf sich alleine verwiesen. Der so entstehende Klang ist zart, fast zerbrechlich. Wir gehen quasi einen Schritt hinter unsere Möglichkeiten zurück, wenn wir einstimmig und ohne Instrument singen; und das ist jedes Mal eine neue Erfahrung, weil man sich selbst und auch den anderen ganz intensiv hört. Alle Sänger müssen also stets darauf achten, dass sie im Atmen, im Singen, im Pause halten, im Ausdruck völlig auf einer Linie sind. Mit anderen Worten:
Man muss besonders sorgfältig aufeinander hören.

Und damit sind wir bei einem wesentlichen Punkt der Vesper: beim Hören. Wir versuchen, durch ruhiges Singen in eine hörende Haltung zu gelangen. Dazu halten wir auch besonders bewusst die Pausen in der Mitte der Psalmverse und geben so der Ruhe, der Stille, dem Lauschen und Nachspüren immer mehr Raum. Diese achtsame Art des Psalmensingens hilft uns nicht nur, dem Getriebe des Alltags zu entkommen. Wir wollen uns dadurch auch bereit machen, den Lesungstext konzentriert aufzunehmen und in einer kleinen Auslegung zu bedenken. Auch hier geht es um Reduktion, um “weniger ist mehr”; daher sind es immer nur wenige Bibelverse und kurze Impulse dazu, die wir anschließend im Halten einer absoluten Stille in uns wirken lassen.

Übrigens sind es nur diese beiden Elemente, Lesung und Auslegung, die in jeder Liturgischen Vesper wechseln, alles andere wird stets gleich gesungen. Nach der Stille singen wir das “Magnificat” und halten Fürbitte, auch dies in gesungener Form. Ein letztes Mal unterbricht dann Gebetsstille das Singen. Nach dem Vater Unser und einem Segensgebet rundet ein Abendlied die halbe Stunde ab.
Aus dieser Darstellung des Ablaufes wird klar:
Bei der Vesper geht es nicht um ein aktionsreiches Handeln, ein virtuoses Musizieren oder um immer neue Erläuterungen. Vielmehr suchen wir in der strengen Form, in der Wiederkehr der altvertrauten Texte und im betont ruhigen Ablauf einen Raum, in dem wir Gott begegnen können.

In unserer Gemeinde besteht seit bereits zwanzig Jahren ein liturgischer Chor, der aus zwölf Frauen besteht und von Gerald Fink geleitet wird. Wir halten einmal im Jahr einen Einkehrtag und pflegen das einstimmige Psalmodieren im Gottesdienst und einmal im Monat in der Vesper. Vielleicht liegt es an der unspektakulären Form dieser Feier, dass wir meist eine kleine Gottesdienstgemeinde sind. Doch wir spüren, dass die ruhige Art des Einkehrens uns gut tut; daher laden wir auch Sie herzlich ein, einmal die Vesper zu besuchen.